Nicht der FC Rafzerfeld hat versagt - ein Kommentar von Marc Jäggi

Das Sportplatzprojekt ist gescheitert. Die eigentliche Niederlage tragen jedoch die politischen Verantwortlichen der Region.
 
Ein Kommentar von Marc Jäggi.

Das Volk hat entschieden. In Eglisau an der Urne. In Rafz, Wil, Hüntwangen und Wasterkingen an den Gemeindeversammlungen. Das 6,3-Millionen-Franken-Projekt des FC Rafzerfeld ist gescheitert. Das Verdikt ist klar. Das Projekt war zu gross, zu teuer und politisch nicht mehrheitsfähig. Wer die Geschichte damit für beendet erklärt, verkennt allerdings, worum es hier eigentlich geht. Denn abgelehnt wurde ein Projekt. Nicht ein Problem.

Der FC Rafzerfeld zählt heute 450 aktive Mitglieder, stellt 25 Teams und gehört zu den grössten Vereinen im Zürcher Unterland. Hunderte Kinder und Jugendliche verbringen ihre Freizeit auf seinen Plätzen statt vor Bildschirmen. Der Verein integriert, verbindet und stiftet Gemeinschaft. Gleichzeitig fehlen schon heute mehr als 1000 Stunden an Trainings- und Spielkapazitäten. Die Plätze sind überbeansprucht, im Winter oft kaum nutzbar und die Mädchenabteilung verfügt bis heute nicht über ausreichende Garderoben. Die Bevölkerung wächst. Der Frauenfussball wächst. Der Bedarf wächst. Darüber gibt es keinen ernsthaften Streit.

Genau deshalb stellt sich eine andere Frage. Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Wie konnte ein Verein am Ende alleine für ein Millionenprojekt kämpfen müssen, dessen politische Erfolgschancen von Anfang an fraglich waren? Wo waren die Gemeindepräsidenten, als aus einem Infrastrukturproblem ein politisches Problem wurde? Wo waren die Gemeinderäte? Wo waren die Fachleute in den Verwaltungen, die genau für solche Aufgaben angestellt und bezahlt werden? Es gehört mittlerweile fast zum Standardrepertoire der Lokalpolitik, die Bedeutung des Vereinslebens zu preisen. Kaum eine Rede ohne Lob für Ehrenamtliche. Kaum eine Ansprache ohne warme Worte für die Jugendarbeit. Nur: Wertschätzung zeigt sich nicht in Worten. Wertschätzung zeigt sich dann, wenn Probleme gelöst werden.

Der FC Rafzerfeld hat seinen Teil erfüllt. Er hat auf Missstände hingewiesen. Er hat Konzepte erarbeitet. Er hat versucht, Perspektiven für die nächsten Generationen zu schaffen. Vielleicht zu ambitioniert. Vielleicht politisch ungeschickt. Aber immerhin hat jemand gehandelt. Von den politisch Verantwortlichen war über Jahre vor allem eines zu hören: Man sei gesprächsbereit. Gesprächsbereitschaft ist jedoch keine Leistung. Sie ist die Mindestanforderung. Wer gewählt wird, um Verantwortung zu übernehmen, kann sich nicht damit begnügen, Verständnis zu signalisieren. Er muss führen, vermitteln und Lösungen entwickeln, bevor Probleme an der Urne oder an der Gemeindeversammlung scheitern.

Die eigentliche Niederlage dieser Abstimmung ist deshalb nicht sportlicher Natur. Sie ist politischer Natur. Der Bedarf ist heute derselbe wie vor der Abstimmung. Die überlasteten Plätze sind noch immer überlastet. Die fehlenden Garderoben fehlen noch immer. Die Kinder und Jugendlichen werden morgen nicht weniger. Das Bevölkerungswachstum verschwindet nicht durch einen negativen Entscheid. Wer jetzt glaubt, seine Pflicht sei erfüllt, weil das Projekt gescheitert ist, hat die Botschaft der Bevölkerung nicht verstanden. Die Menschen haben nicht Nein zum Sport gesagt. Sie haben Nein zu diesem Projekt gesagt. Das ist ein Unterschied, den man im Gemeindehaus besser verstehen sollte als anderswo.

Jetzt braucht es keine Sonntagsreden mehr. Keine Betroffenheitsbekundungen. Keine weiteren Lippenbekenntnisse. Es braucht ein neues Projekt. Ein realistisches Projekt. Ein mehrheitsfähiges Projekt. Und diesmal braucht es Politiker, die vorne stehen, statt zuzuschauen, wie Ehrenamtliche die politische Arbeit übernehmen.

Dafür wurden sie gewählt.

Herren Gemeindepräsidenten, gehen Sie auf den FC Rafzerfeld zu. Nicht für ein weiteres Foto. Nicht für die nächste Sonntagsrede. Sondern für die Arbeit, die jetzt ansteht. Sorgen Sie gemeinsam mit dem Verein dafür, dass aus einem gescheiterten Projekt ein mehrheitsfähiges wird. Eines, das den realen Bedürfnissen der Region entspricht und von der Bevölkerung mitgetragen werden kann.

Der Bedarf ist ausgewiesen. Die Aufgabe ist klar. Jetzt sind Sie am Zug.

Marc Jäggi 

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